Im Netz sind alle User anonym und nicht sichtbar. Das gibt die Chance in beliebige und auch immer wieder neue Rollen schlüpfen zu können, die mit der Identität außerhalb des Netzes null zu tun haben. Sich so eine virtuelle Identität zuzulegen, kennt man ja auch z. B aus den Kontaktanzeigen. Mehr Schein als Sein ist da das Motto. Die eigene körperbezogene oder berufliche Identität wird idealisiert. Aber nicht nur das, denn ebenso ein radikaler Rollenwechsel ist weit verbreitet im Netz. Eine solche virtuelle Verstellung ermöglicht ganz neue Varianten des Ausspionierens und der Intrige. Ganz spannend ist dabei die Form des Geschlechtertausches, dem so genannten „gender-switching” oder „gender-swapping”, bei dem Männer sich als Frauen ausgeben und umgekehrt. Das ist nicht ganz unproblematisch, denn im Zuge eines starken emotionalen Engagements auf einen fundamentalen Schwindel hereinzufallen, ist meist eine belastende und schmerzliche Erfahrung. Da habe ich einiges in der Gruppe www.saferdating.com zu gelesen. Das ist ein ernstzunehmendes interpersonales Problem. Darüber hinaus kann es sogar ein gesellschaftliches Problem sein, nämlich dann, wenn z. B. Erwachsene sich als Kinder ausgeben, um „Gleichaltrige” kennen zu lernen und diese womöglich sexuell auszubeuten.
Eine virtuelle Schein-Identität anzunehmen, ist nicht mehr nur oberflächlich und witzig! Da rate ich den Selbstmaskierten sich bei der individuellen Lebensgestaltung lieber auf authentische Begegnungen außerhalb des Netzes zu konzentrieren, anstatt zu viel Zeit in virtuellen Scheinwelten zu vergeuden. Aber so ganz unhinterfragt will ich es dann doch nicht lassen und komme zu der Beobachtung, dass ja die Netzkommunikation durchaus eine Ablösung vom sonstigen Alltag ist und somit die Individuen von sozialer Kontrolle befreit…und nicht nur das, auch das äußere Erscheinungsbild (und die damit verbundene soziale Kategorisierung) entfällt, auch jegliche Stereotypisierung und Stigmatisierung, Selbst-Aspekte, die der Person wichtig sind, die sie in vielen Alltagskontexten jedoch nicht ausdrücken oder ausleben kann, kommen im Netz zum Vorschein und werden ihr auch eher zugesprochen. Indem sie etwa eine idealisierte virtuelle Identität annehmen, die den gängigen Schönheitsidealen entspricht, fühlen sie sich ermutigt und freier darin, sich auszuleben. Dies betrifft etwa körperlich gehandicapte Personen oder die „Alten”, deren Verhalten als lächerlich oder unpassend abgetan wird. Im Netz haben sie alle Chancen. Andere Aspekte sind auch noch die geografische Distanz, der fehlende Sichtkontakt und die Anonymisierbarkeit, denn die reduzieren bei der virtuellen Kommunikation die sonst so verbreiteten sozialen Ängste und Hemmungen. Probleme werden rasch auf den Punkt gebracht, ohne dass eine Partei dabei in Bedrängnis gerät. Denn die sonst mit der Nähe verbundenen Spannungen, Risiken und Irritationen lassen sich durch die räumliche Distanz und schriftliche Kommunikation besser abfangen, als bei der direkten Konfrontation im unmittelbaren privaten oder beruflichen Umfeld. Da geht’s locker an sämtliche Nöte und Sorgen, aber auch um die netzspezifische Auseinandersetzung mit hochindividuellen Identitätsfragen… In der eigenen Identitätskonstruktion nicht auf wenige, an Äußerlichkeiten festgemachten Rollen fixiert zu sein, sondern sich gemäß eigenen Gefühlen und Interessen flexibel neu zu entwerfen, ist mehr als ein unterhaltsames Gesellschaftsspiel. Es kann durchaus Arbeit am Selbst sein - durch diese Netzerfahrungen können Verhaltensänderungen außerhalb des Netzes vorbereitet werden.
Fazit: Aus der Sicht der Selbstmaskierungs-These haben Netznutzer überwiegend egoistische und böse Absichten. Sie wollen andere Menschen täuschen, hintergehen und ausnutzen, im günstigen Falle suchen sie oberflächliche Unterhaltung.
Aus der Sicht der Selbsterkundungs-These dagegen verfolgen Netznutzer ehrenwerte psychosoziale Ziele. Sie wollen sich und andere besser verstehen, setzen computervermittelte Kommunikation machmal geradezu therapeutisch ein und reflektieren ihre Netzerfahrungen ebenso gründlich wie sozialkritisch.
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